Fachtagung „Klimaschutz & Energienachhaltigkeit: Die Energiewende als sozialwissenschaftliche Herausforderung.“ am 19. und 20.März

Wie steht es um die vieldiskutierte Energiewende in Deutschland? Welche Hürden sind auf gesellschaftlicher Ebene noch zu überwinden und vor allem wie? Zu einem wissenschaftlichen Diskurs über Forschungsbedarf- und Ergebnisse im Bereich der Erneuerbaren Energien hatte die Forschungsgruppe Umweltpsychologie um Frau Prof. Dr. Schweizer-Ries eingeladen: Zur Abschlusstagung des zweijährigen Forschungsprojektes über die „Aktive Akzeptanz von Klimaschutzmaßnahmen“ kamen etwa 80 Wissenschaftler_innen, Politiker_innen, Vertreter_innen aus Kommunen und Praxis und Interessierte aus den unterschiedlichsten Bereichen in das Saarbrückener Schloss.

Zum Beginn der Konferenz wurden die Teilnehmenden von Frau Schweizer-Ries in die Thematik der Energiewende als sozialwissenschaftlicher Forschungsgegenstand eingeführt. Sie betonte, dass die Berücksichtigung sozialer Prozesse für eine gelingende und nachhaltige Energiewende von zentraler Bedeutung sei. Widerstände gegen den Ausbau Erneuerbarer Energien gäbe es aus den unterschiedlichsten Gründen, die nicht einfach als „NIMBY“ (not in my backyard - Phänomen) abgetan werden könnten. Vielmehr müsse man die Energiewende  als ein vielfältiges Kommunikationsproblem verstehen: Vor allem die lokale Wertschöpfung, Partizipation und Transparenz, die Möglichkeit der Landschaftsmitgestaltung und das Gefühl von Ungerechtigkeit seien zentrale Aspekte der Akzeptanzproblematik. Hierbei käme den Sozialwissenschaften eine Schlüsselrolle zu, die gesellschaftsverträgliche Ausgestaltung mit der Gesellschaft, eine menschengerechte technische Entwicklung und die Unterstützung der Verantwortungswahrnehmung zu ermöglichen.

Herr Graichen vom Bundesministerium für Umwelt vertrat die Perspektive der Bundesregierung und erörterte die momentanen Pläne und die aktuellen Probleme der Energiewende. Der Atomausstieg und das Ziel einer um 80-90% reduzierten Emissionsreduktion bis 2050 gegenüber 1990 müsse in einem gut geplanten und vielfältige Wege einbeziehenden Prozess von statten gehen, bei dem viel Wert auf einen guten offenen Dialog und Transparenz gelegt werde. Dieser Prozess werde zurzeit im Rahmen der „Nationalen Klimaschutzinitiative“ vorgedacht. Dabei werde immer deutlicher, dass für die Umsetzung der ehrgeizigen Ziele schon in naher Zukunft radikale Veränderungen anstünden. Diese mehrheitsfähig zu kommunizieren und eine breite Wissensvermittlung, Akzeptanz und Beteiligung zu schaffen sieht er als große Herausforderung der Sozialwissenschaften. Sowohl die positiven Aspekte wie Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze aber auch wenig anerkannte Übergangstechnologien wie CCS und Kohlekraft müssten auf diesem Wege die BürgerInnen erreichen.
Kritisiert wurde daran in der anschließenden Podiumsdiskussionsrunde, dass die Politiker_innen hinter verschlossener Tür planten um die Menschen dann mit den Ergebnissen zu konfrontieren und sie zur Beteiligung an den fertigen Konzepten aufzufordern. Dafür Akzeptanz zu schaffen sei viel schwieriger als die Menschen in einen langsameren aber langfristig nachhaltigeren Prozess einzubinden, bei dem von diesen eine gewisse Selbstwirksamkeit erlebbar ist und sie sich in ihren Sorgen ernst genommen fühlen. Sicherlich hätten die Politiker als gewählte Volksvertreter den Auftrag der Gestaltung der Energiewende, jedoch sollten lokale Lösungsansätze nicht durch eine Top-down-Politik und falsche politische Zeichen wie die Kürzung der Solarförderung oder Subventionen für neue Kohlkraftwerke der Energiekonzerne verhindert werden. Denn genau diese selbstständige Aneignung und das Interesse der Menschen seien für den Erfolg schließlich ausschlaggebend.

Am Nachmittag erörterte Dr. Chantal Ruppert-Winkel vom Öko-Institut Freiburg genau dazu Ergebnisse lokaler Ansätze hin zu einer sozial-ökologischen Selbstversorgung mit erneuerbaren Energien. Dabei ging sie auf die Hauptmotive- und konfliktlinien innerhalb der untersuchten Gemeinden Dannenberg (Elbe) und Wolpertshausen wie mögliche Landnutzungs- und Wertschöpfungskonflikte ein. Beispielsweise entzündeten sich viele Streitigkeiten beim massiven Biogasausbau und dessen Flächenverbrauch, genauso durch fehlende finanzielle Beteiligung der Bevölkerung. Geschuldet sei dies oft fehlenden Kommunikations- und Partizipationsstrategien. Hier müssten die Sozialwissenschaften den transdisziplinären Spagat meistern und Informationen und Erfolgsfaktoren von Good Practice Beispielen der kommunalen Transformation herausarbeiten.

Einige solcher Beispiele gelungener Planung und Umsetzung von energieautarken Kommunen stellte Peter Moser mit dem Projekt der „100ee-Regionen“ vor. Dabei handelt es sich um ein Modell zur lokalen Energiewende, ein Leitbild der Regionalentwicklung. Diese Transformation wie in der Gemeinde Steinfurt oder der Stadt Wolfhagen sieht nach der Generierungs-, Konzept- und Ausgestaltungsphase der eigenen lokalen Energieversorgung auch einen Wandel der Lebensstile hin zur Zukunftsfähigkeit vor. Nach seiner Ansicht wäre es die zukünftige Aufgabe einer sozial-ökologischen Forschung, neben den vorhandenen technischen, finanziellen und raumplanerischen Voraussetzungen transparente Partizipationsansätze zu entwickeln, die das Verständnis von Energie-Gerechtigkeit und positiver Nachhaltigkeit aufgreifen, und auch Einflussfaktoren auf „Megaakteure“ mit viel Zugkraft zu erforschen. Denn: Die Gesellschaft ist das Tempo der Energiewende!

Am Abend wurde bei gemütlichem Beisammensein nicht nur der erfolgreiche Abschluss des Forschungsprojektes gefeiert sondern auch die Neugründung des Instituts für Zukunftsenergiesysteme (IZES) in Saarbrücken, mit dem zusammen die Forschungsgruppe Umweltpsychologie neue gemeinsame Projekte plant wie aktuell eine Studie im Auftrag des BMU zur Akzeptanz des Stromnetzausbaus in Deutschland.

Der Dienstagvormittag begann mit einer Sitzung zu sozialwissenschaftlichen Arbeiten und ihrer Umsetzung in der kommunalen Klimaschutzpraxis. In verschiedenen Workshopphasen ging es um die drei Nachhaltigkeitsstrategien: Konsistenz, Effizienz und Suffizienz. Hier wurden gemeinsame Perspektiven sozialwissenschaftlicher und kommunaler Arbeit für den Klimaschutz erörtert, indem ein Praxisvortrag einem Diskussionsvortrag vorangestellt und somit die Verknüpfung von aktuellen Problemen mit Theorie geschaffen wurde. Es wurde beispielsweise in der Diskussionsrunde „Suffizienz“ die Problematik der Bodenverteilung dargestellt. Wenn für mehr Wachstum in immer mehr Gemeinden Gewerbeflächen ausgeschrieben und dafür Ackerland erschlossen wird, liegen diese Flächen oft lange brach bis sich ein Unternehmen dort ansiedelt. So wird nicht nur immer mehr Land bebaut sondern schon allein durch die Flächenumwandlung Land der Nutzbarkeit entzogen ohne aktuell benötigt zu werden. Mithilfe von Flurbereinigungen und der Reaktivierung von Brachen wäre dem beizukommen. Außerdem wurde weiterhin diskutiert, dass sich zwar bei immer mehr Menschen ein ökologisches Bewusstsein entwickelt, aber das Verständnis für die Auswirkungen eigenen Konsums und die Bereitschaft zu Verzicht fehlt. Es gab verschiedenen Ansichten, wie das Konzept eines guten Lebens entwickelt und dieses unter dem Druck des immer rasanter voranschreitenden Klimawandels angemessen positiv belegt kommuniziert werden könnte. Benjamin Best vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie präsentierte schließlich Ansätze von spielerischen und positiven Lebenskonzepten auf lokaler Ebene wie urbanes Gärtnern im Prinzessinnengarten in Berlin oder die zeitweise Umgestaltung der Autobahn bei Bottrop zu einem Erholungsgebiet. Diese freiwilligen nicht zu anspruchsvollen aber konsequenten Veränderungen im Kleinen müssten durch die Politik verstärkt gefördert werden.

 

Alex Wernke